"Der geheime Roman des Monsieur Pick"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 26.12.2019
Regisseur: Rémi Bezançon
Schauspieler: Fabrice Luchini, Camille Cottin, Alice Isaaz
Entstehungszeitraum: 2019
Land: F
Freigabealter: 0
Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH
Laufzeit: 101 Min.
Wann ist ein Buch ein Buch?
Irgendwo in einem kleinen Ort in der Bretagne schlummern ungehobene literarische Schätze in einer Bibliothek der abgelehnten Bücher. Dort entdeckt eine junge Verlagsangestellte ein echtes Juwel, geschrieben vom örtlichen Pizzabäcker. Mit allem Ehrgeiz veröffentlicht die Lektorin das Buch: "Die letzten Stunden einer großen Liebe" begeistert Kritik und Publikum gleichermaßen. Aber natürlich ist die Geschichte, die Regisseur Rémi Bezançon in seinem gleichermaßen reizenden wie belanglos dahinplätschernden Film erzählt, zu schön, um wahr zu sein. Und so macht sich ein verbissener Kritiker daran, das Geheimnis zu lüften, dass "Der geheime Roman des Monsieur Pick" birgt.

Literaturpapst Jean-Michel Rouche (Fabrice Luchini) ist der einzige Mensch in ganz Frankreich, der an dem bretonischen Märchen zweifelt. Es ist aber auch wirklich schwer zu glauben, dass ein Mann, der zeitlebens nur als Autor von Speisekarten und Rechnungen in Erscheinung trat, ein Meisterwerk von Roman verfasst haben soll: brillant im Stil, hochgradig emotional und dazu gespickt mit sachkundigen Querverweisen zur russischen Literatur. Niemand soll bemerkt haben, dass der Pizzabäcker ein Doppelleben als literarische Koryphäe führt? Pick selbst kann sich nicht äußern, er ist seit zwei Jahren tot.

Rouche jedenfalls ist so skeptisch, dass er in seiner Sendung die Witwe des Autors übel beleidigt. Dem Sender gefällt das gar nicht, Rouche ist seinen Job los, hat aber eine neue Bestimmung gefunden. Er will der Welt beweisen, dass Monsieur Pick ein Hochstapler ist, und ermittelt auf eigene Faust in der bretonischen Unwirtlichkeit.

Kann ein Buch nur ein Buch sein?

Mit der Gemächlichkeit von Miss Marple und dem ironischen Witz von Hercule Poirot tappt der verbissene, aber nicht gänzlich unsympathisch gezeichnete Kritiker in alle möglichen Fettnäpfchen. Ausgerechnet die Tochter des Verstorbenen hilft ihm immer wieder aus der Bredouille: Joséphine Pick (Camille Cottin) unterstützt den Hobbydetektiv sogar bei seinen Ermittlungen. Sie will Gewissheit und dann ihre Ruhe.

Als Literaturkrimi nur leidlich spannend und eine Spur zu behäbig inszeniert, erzählt Rémi Bezançons Film durchweg charmant von blühender Fantasie und den Merkwürdigkeiten des Verlagsbetriebes. Seinen Witz findet der lose auf einem Buch von David Foenkinos basierende Film in den Anekdoten am Wegesrand: in einer geheimnisvollen Widmung, einer absurden Versammlung krimiverrückter Damen, einer eigenwilligen Anordnung von Büchern in Josephines privater Sammlung. Und in der Frage, ob ein Buch in einer Zeit, in der es mehr auf die Verpackung als auf die Inhalte ankommt, einfach nur ein Buch sein kann.

Interessanter als der Roman selbst ist schließlich die Geschichte dahinter. Daphné (Alice Isaaz), die ehrgeizige Lektorin, und ihr als Literat verkannter Freund Frédéric (Bastien Bouillon) wissen das als Millennials natürlich. Auf das Marketing kommt es an: Ein als einfacher Pizzabäcker lebendes literarisches Genie lässt sich gut verkaufen. Und wer etwas verkaufen will, muss sein Produkt spannend machen. Das ist Storytelling, wie es neuerdings heißt - und führt dazu, dass die Fans des Buches in der Pizzeria von Monsieur Pick Schlange stehen, um einen Blick auf die Kammer eines Literaten zu erhaschen, in der sich lediglich alte Speisekarten und Rechnungen stapeln.

Von Andreas Fischer