"Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 26.12.2019
Regisseur: Karim Aïnouz
Schauspieler: Carol Duarte, Fernanda Montenegro, Gregório Duvivier
Entstehungszeitraum: 2019
Land: BRA
Freigabealter: 12
Verleih: Piffl Medien
Laufzeit: 140 Min.
Das fremdbestimmte Leben
Zwei junge Mädchen auf dem Nachhauseweg. Eurídice (Carol Duarte) und Guida (Julia Stockler) sind Geschwister, und es sind ihre beiden Leben, die das Melodram "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" mal hitzig, mal voller Gefühl im Rio de Janeiro der 50er-Jahre erzählt. Eurídice liebt das Klavier, schafft es sogar durch ihr Spiel, sich vor der Hausarbeit zu drücken. Guida hat erstmals die Liebe zum anderen Geschlecht entdeckt; mit einem Griechen war sie, so erzählt sie ihrer Schwester, auf der Toilette. Eurídice deckt Guida, die sich davonschleicht, um mit ihrem Matrosen auf eine Party zu gehen. Sie kehrt nicht wieder. Irgendwann erreicht die Familie ein Brief, dass sie ihren Yorgus in Athen heiraten wird.

Auch wenn Eurídices Herz bricht, geht das Leben - von außen betrachtet - weiter. Der Vater (António Fonseca), ein Bäcker, hat ihr einen Mann auserwählt, denn Mädchen müssen untergebracht werden. So erlebt auch sie ihre erste Liebesnacht, weit weniger leidenschaftlich. Es vergeht gar nicht allzu viel Zeit, da kehrt Guida nach Hause zurück. Der Grieche entpuppte sich als Lump. Schwanger ist sie dennoch. Progressiv und selbstbewusst erklärt sie ihrem Vater: "Ich habe einen Fehler gemacht." Doch zu wortreichen Versöhnungen ist der nicht bereit und jagt die Abtrünnige zum Teufel. Ihre Mutter Ana (Flávia Gusmão) schafft es nicht, sich zu wehren. Anas Körper antwortet mit Krankheit.

Jede in ihrem Unglück

Während Guida als Alleinerziehende weit unten in der sozialen Hierarchie kämpft, lebt ihre Schwester ein Leben als Ehefrau, das sie hasst, denn sie möchte Pianistin werden. Sie leben in der gleichen Stadt, gehen jedoch beide davon aus, dass die andere im Ausland ist. Einmal begegnen sie sich in einer schön inszenierten Szene um Haaresbreite nicht, als Guida das Essen in einem Restaurant verwehrt wird, während sich Eurídice dort mit dem Vater trifft. Solche emotionalen Situationen sind selten in diesem Film, was schade ist. Regisseur Karim Aïnouz schwelgt in Lichtern, verlangsamt die Geschwindigkeit und präsentiert tolle Bilder. Er hat zwei gute Schauspielerinnen auf seiner Seite, die bereit sind, die ganze Tragik zu präsentieren, und doch will der Funke nicht recht zünden. Vielleicht ist ein Grund dafür, dass der Zuschauer die beiden kaum kennenlernt und ihre Verbundenheit schlicht glauben soll.

Geradezu seltsam, dass Regisseur Aïnouz zu Beginn, als die beiden Schwestern sich auf dem Heimweg aus den Augen verlieren, Spannung kreiert, obwohl die Situation vollkommen banal ist - und auch nichts passiert. Später, wenn das Drama aus Missverständnissen und Unterdrückung seinen Lauf nimmt, ist die pulsierende Stadt das Lebendigste auf der Leinwand. Die Jahre schwinden, und aus dem Off hört man die Stimmen der Schwestern, die in ihren Briefen von ihrer Sehnsucht erzählen. Ob ihnen ein Wiedersehen vergönnt ist?

Die Romanverfilmung war Karim Aïnouz ein persönliches Anliegen. Er erzählt die Geschichte aufopfernd, ist ein Anwalt der Frauen. Auch, weil er findet, dass sich die Ignoranz der Männer in seinem Land nicht verringert habe. So schuf er ein episches Melodram, das nicht in der Vergangenheit verhaftet ist, sondern auch den Bogen ins Heute schlägt.

Von Claudia Nitsche