"Just Mercy"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 30.01.2020
Regisseur: Destin Daniel Cretton
Schauspieler: Brie Larson, Michael B. Jordan, Jamie Foxx
Entstehungszeitraum: 2019
Land: USA
Freigabealter: 12
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH
Laufzeit: 127 Min.
Von der Schuld, schwarz geboren zu sein
Sehr domestiziert sehen die schwarzen Menschen in Destin Daniel Crettons Film "Just Mercy" aus. Viele Männer tragen kurze Haare, die meisten Frauen haben sich ihr Haar geglättet. So wie Barack und Michelle Obama. Sie sind sehr diszipliniert. Was sich ein Donald Trump jeden Tag leistet, leisten sie sich nie. Sie haben eine exzellente Ausbildung und wissen sich zu benehmen. Das wirkt mitunter etwas steif und kontrolliert.

So tritt auch der schwarze Anwalt Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) auf. Jung, gutaussehend und mit einem Jura-Abschluss in Harvard. Statt sich einen lukrativen Job zu suchen, geht er nach Alabama, um mit der Anwältin Eva Ansley (Brie Larson) in der von Stevenson gegründeten "Equal Justice Initiative" Menschen zu verteidigen, die zu Unrecht verurteilt wurden oder sich keine angemessene Verteidigung leisten konnten.

Das Buch zum Film erschien 2016 im Piper Verlag. Der reale Jura-Professor Bryan Stevenson ist der Ich-Erzähler des autobiografischen Sachbuchs. Der Film tritt einen Schritt zurück und erzählt aus der Perspektive aller beteiligten Personen.

Einer von Stevensons ersten großen Fällen ist der von Walter "Johnny D" McMillian (Jamie Foxx), der angeklagt wird, 1987 eine 18-jährige Frau ermordet zu haben. Die meisten Indizien sprechen für seine Unschuld. Doch das Gericht bringt McMillian sogar schon vor seinem Prozess in den Todestrakt. So wie die meisten der dort einsitzenden Männer schwarz sind, sind die Todeszellen in einem blitzblanken, unheimlichen Weiß gehalten.

Antiseptische Todeszellen als Ort weißer Justizwillkür

Crettons Film beginnt sehr sanft und arbeitet sich allmählich am gewaltigen Thema "Todesstrafe" ab. Zum Klischee der black people gehört, dass sie sehr temperamentvoll und impulsiv wären. Hier sind sie zurückhaltend und zuweilen distinguiert, was so gar nicht zu den Todesurteilen und der erschreckend präzise geschilderten Hinrichtungsprozedur passt. Dadurch wird das grausame Geschehen noch unerträglicher.

Der immer akkurat gekleidete Bryan Stevenson setzt sich mit aller Kraft für die Rettung seines Klienten Johnny D ein. Dabei vergisst der manchmal übermenschlich wirkende Anwalt, professionelle Distanz zu wahren, was ihn an den Rand seiner Kräfte führen wird. Jamie Foxx spielte in Quentin Tarantinos gleichnamigem Film den aufbegehrenden "Django Unchained". Auch er unterwirft sich in "Just Mercy" der Impulskontrolle und bleibt selbst in den scheußlichsten Momenten beherrscht. Sein Sohn verliert für ihn die Beherrschung, als das Todesurteil für den Vater ausgesprochen wird. Die als dumpfe Befehlsempfänger dargestellten weißen Polizisten führen den wild um sich schlagenden Sohn aus dem Gerichtssaal. Am Ende des Films wird es immerhin drei Gefühlsausbrüche gegeben haben.

Regisseur Destin Daniel Cretton zitiert in seinem außergewöhnlichen Film die Geschichte eines fiktiven Anwalts aus den 1960er-Jahren. Einer der Schauplätze der Story in Crettons Film ist Monroeville im Südstaat Alabama. In Monroeville schrieb Harper Lee 1960 ihren Roman "To Kill A Mockingbird". Der Stoff wurde 1962 von Robert Mulligan verfilmt. Der deutsche Titel lautete "Wer die Nachtigall stört". Der von Gregory Peck gespielte Anwalt Atticus Finch verteidigt im Jahr 1930 als Pflichtverteidiger den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson, der eine junge Weiße vergewaltigt haben soll. Als der Anwalt Bryan Stevenson in "Just Mercy" das Büro des Staatsanwalts Tommy Chapman (Rafe Spall) in Monroeville verlässt, wird ihm zweimal augenzwinkernd ein Besuch des Mockingbird Museums nahegelegt. Das reale Monroe County Museum beherbergt heute die Ausstellung "Harper Lee And To Kill A Mockingbird".

Von Felicitas Hübner