Die Berlinale 2020 - ein Neuanfang?
"In Zeiten, in denen das Ich ideologisch, religiös und als Identitätsgarant immer mehr in den Vordergrund drängt, sollten wir nicht vergessen, dass die Bildwelt des Kinos anders als die Bildwelt der Werbung immer auf eine Gemeinschaft zielt. Sie tritt nicht mit Bestimmtheit auf wie jemand, der andere überzeugen muss, sondern wirft Fragen auf, mit denen die Menschen sich auseinandersetzen sollten. Kino bietet nichts an, was man kaufen kann, es hinterlässt Zweifel." Mit diesem klugen Gedanken, über den sich nachzudenken lohnt, blickt Carlo Chatrian, Künstlerischer Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin, voraus auf die 70. Berlinale, die natürlich eine besondere ist.

Es ist die erste nach dem Abschied von Dieter Kosslick, der als Berlinale-Chef über viele Jahre das Festival entscheidend prägte. Auf seine Art, die manche liebten und manche weniger. Dennoch darf Kosslick für sich verbuchen, den Glanz des Festivals in all den Jahren bewahrt und es zugleich nicht dem Kommerz preisgegeben zu haben. Ihm folgen nun Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin der Internationalen Filmfestspiele Berlin nach. Strukturelle Änderungen wird es einige geben. Ob der eigene fraglos einzigartige Charakter des Festivals erhalten bleibt oder tatsächlich ein neuer Wind durch die Hauptstadt weht, wird sich erst nach dem Ende der Berlinale am Sonntag, 1. März, beurteilen lassen.

Schon organisatorisch gab es, gewollt und ungewollt, einige Herausforderungen für die beiden Neuen. So fiel das Berlinale-Kino Cinestar am Potsdamer Platz weg. Nun finden stattdessen viele Screenings im fern gelegenen Cubix am Alexanderplatz statt. Aufgrund der Sanierung des Hauses der Kulturen der Welt kehrt die Urania als Spielstätte zurück. Vor allem aber bekam der neue Termin des Festivals Beachtung, das diesmal von Donnerstag, 20. Februar, bis Sonntag, 1. März, andauern wird und damit rund zwei Wochen später stattfindet als in den vergangenen Jahren. Will sagen: erstmals wieder nach der Oscar-Verleihung.

Mit Sorge mag mancher darüber hinaus auch auf die Situation rund um das Coronavirus blicken. Bei der Berlinale versammeln sich Menschen aus aller Welt auf engstem Raum. Die Ansteckungsgefahr wäre hoch. Um die empfohlene Handhygiene zu ermöglichen, wurden die Sanitäranlagen der Festivaleinrichtungen flächendeckend mit Desinfektionsmitteln versorgt. Mitarbeiter und Gäste des Festivals werden informiert, welche Abläufe und Meldewege einzuhalten sind, falls es zu einem Verdachtsfall kommt. Das Institut für Virologie und die Sonderisolierstation an der Charité stehen bereit. Darüber hinaus werden, so wurde kommuniziert, einreisende Gäste aus China und anderen betroffenen Regionen vom Robert-Koch-Institut an den Flughäfen umfassend informiert.

Ins Kino gehen - vorurteilsfrei

Anders als Kosslick verzichteten die neuen Leiter der Berlinale diesmal auf eine allumfassende Überschrift über das Festival, die ohnehin in der Vergangenheit stets etwas bemüht wirkte. Wohl aber formuliert Carlo Chatrian in seinen einleitenden Worten eine ganze Reihe kluger Gedanken rund um die Aufgaben des Kinos von heute - jenseits der schlichten Unterhaltung freilich. Die meisten Bilder, so der Italiener, seien heute von anderen Bildern inspiriert und beeinflusst. Was wiederum die Gefahr in sich berge, den Bezugspunkt, also die Wirklichkeit, aus den Augen zu verlieren. Chatrian über das Programm: "Die Filme der verschiedenen Sektionen erzählen Geschichten über den Menschen in seinem Größenwahn, seiner grandiosen Zerbrechlichkeit, mit seinen finsteren Dämonen und unverhofften Erleuchtungen. Es liegt an uns, diese Geschichten vorurteilsfrei aufzunehmen." Es könnte demnach recht düster zugehen bei dieser Berlinale. Kino als Spiegel einer vermeintlich ebenso düsteren Zeit.

Eröffnet wird das Festival am 20. Februar mit der Weltpremiere von Philippe Falardeaus "My Salinger Year" im Berlinale Palast. Im Mittelpunkt des Films steht die junge Schriftstellerin Joana (Margaret Qualley). Sie beantwortet als Assistentin einer Literaturagentin (Sigourney Weaver) die Fanpost des Autors J.D. Salinger. "Alien"-Star Weaver wird als Erste echtes Hollywood-Flair in die Hauptstadt bringen. Chancen auf den begehrten Goldenen Bären hat der Film nicht. Er läuft als sogenannte "Special Gala" wie einige andere Beiträge auch. Die Formulierung "Außer Konkurrenz" innerhalb der Wettbewerbsreihe gibt es nicht mehr.

Franz Biberkopf heißt jetzt Francis

Um die Auszeichnung als bester Film bewerben sich diesmal 18 Beiträge, darunter auch Filme von zwei deutschen Regisseuren. Mit großer Spannung wird Burhan Qurbanis Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz" erwartet. Die Geschichte des Franz Biberkopf wird darin ins Berlin der Gegenwart transferiert. Franz heißt Francis, ist geflüchtet und stammt aus Ghana. Hauptrollen in dem gut drei Stunden langen Drama spielen Welket Bungué, Jella Haase und Joachim Król.

Stammgast bei der Berlinale ist der Regisseur Christian Petzold, dessen Film "Undine" auf der Erzählung über den weiblichen Wassergeist basiert. Mehrfach wurde die Idee bereits filmisch umgesetzt, Petzold bietet nun seine Version des Märchens an. Hauptrollen spielen Paula Beer, Jacob Matschenz und mit Franz Rogowski ein weiterer guter Freund der Berlinale. Namhafte deutsche Darsteller wie Nina Hoss und Lars Eidinger stehen darüber hinaus auf der Besetzungsliste des Schweizer Dramas "Schwesterlein" des Regisseurinnen-Duos Stéphanie Chuat und Véronique Reymond.

Mit Spannung erwartet werden ebenso Abel Ferraras "Siberia" mit Willem Dafoe, Sally Potters Familiendrama "The Roads Not Taken" mit Javier Bardem, Elle Fanning und Salma Hayek, der italienische Beitrag "Bad Tales" von Damiano und Fabio D'Innocenzo sowie die Filmbiografie "Hidden Away" von Giorgio Diritti über den italienischen Künstler Antonio Ligabue. Die USA sind unter anderem mit Eliza Hittmans Coming-of-Age-Film "Never Rarely Sometimes Always" vertreten, Frankreich schickt den Liebesfilm "The Salt of Tears" sowie die Komödie "Delete History" von Benoît Delépine und Gustave Kervern ins Rennen um den Goldenen Bären. Wer am Ende die begehrten Goldenen und Silbernen Bären erhält, darüber entscheidet eine siebenköpfige Jury unter dem Vorsitz von Jeremy Irons.

Prominte Gäste

Im Rahmen der Berlinale Specials werden neben dem prominent besetzten Eröffnungsfilm eine Reihe weiterer durchaus zugkräftige Produktionen gezeigt, unter anderem Agnieszka Hollands "Charlatan" über einen Wunderheiler in den totalitären 1950er-Jahren in der Tschechoslowakei und "Minamata" von Andrew Levitas mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Er hat sein Kommen ebenso zugesagt wie Cate Blanchett und Roberto Benigni sowie Helen Mirren, die diesmal mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet wird. Besonderer Sicherheitsvorkehrungen dürften zu erwarten sein, wenn die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton den Berlinale-Palast erreicht. Sie stellt die Dokuserie "Hillary" in der Reihe "Berlinale Series" vor.

342 Filme sind es diesmal, die gezeigt werden - deutlich weniger als im Vorjahr, was dem Vernehmen nach aber eher zufällig sein soll und nicht Teil einer strategischen Reduktion des Angebots. In der zugkräftigen "Panorama"-Sektion sind diesmal 36 Filme zu sehen, im Forum sind es 35, die Perspektive Deutsches Kino ist mit zehn Produktionen vertreten. Erneut Teil der Berlinale sind die "Berlinale Series". Acht Serien werden vorgestellt, darunter die Bavaria-Produktion "Freud" mit Robert Finster, Ella Rumpf und Georg Friedrich. Die historische Crime-Thriller-Serie will eine neue Sichtweise auf den Mediziner Sigmund Freud werfen. Neu ins Leben gerufen wurde die Sektion "Encounters", in der es in den 15 Filmen, so Chatrian, um "Mut und die Suche nach einer neuen Sprache, wenn auch durchaus mit Anleihen bei der Vergangenheit" gehen soll.

Über 330.000 Karten wurden im vergangenen Jahr verkauft, ähnliche Erfolge erhofft man sich auch diesmal für das Publikumsfestival, das an seiner Strategie, nah an den normalen Kinogängern zu sein, auch unter neuer Führung festhält.

Die Eröffnung überträgt wie gewohnt 3sat. Am Donnerstag, 20. Februar, werden ab 19.20 Uhr die Jury und die Wettbewerbsfilme vorgestellt. Moderiert wird die Gala vom Schauspieler Samuel Finzi, der auf die langjährige Moderatorin Anke Engelke folgt. Am Samstag, 29. Februar, ist ab 19 Uhr die Auszeichnung der Preisträger zu sehen. Wer keine Gelegenheit hat, nach Berlin zu kommen, kann das Festival im 3sat-Magazin "Kulturzeit" verfolgen, das die Berlinale begleitet und werktäglich um 19.20 Uhr einen Blick auf das Geschehen wirft.

Von Kai-Oliver Derks