Die Berlinale und diese triste Zeit
Irgendjemand hat ja mal behauptet, dass Berlin sexy sei. Wer sich, wie viele Kinofreunde, Journalisten und Filmfachleute, in den vergangenen Tagen Stund' um Stund' in der Gegend des Potsdamer Platzes herumtrieb, musste indes feststellen: Es gehört schon eine gehörige Portion forscher Fantasie dazu, um diese Einschätzung zu teilen. Das Wetter? Wie fast immer zu dieser Zeit miserabel. Die Infrastruktur? Kaum mehr vorhanden, nachdem die ehemals eifrig genutzten Potsdamer Platz Arkaden weitgehend geschlossen sind und vor einer Sanierung stehen. Hauptgesprächsthema: das Corona-Virus und die damit verbundene Frage, ob ein Festival mit tausenden internationalen Gästen im Februar 2020 überhaupt folgenlos über die Bühne gehen kann.

Es war, trotz des Glamours, den internationale Stars wie Sigourney Weaver und Helen Mirren in die Hauptstadt brachten, ein ziemlich düsteres Filmfest. Draußen, in dieser gefühlt hermetisch vom Rest Berlins abgeriegelten Welt des Potsdamer Platzes. Und ebenso auch drin in den Kinos, wo das Düstere regierte. Gut möglich, dass jemand tagelang Berlinale-Filme schaut und am Ende feststellt: "Ich habe nicht ein einziges Mal gelacht." Das Kino macht seinen Job als wahrhaftiges Abbild einer Zeit, die die meisten als "keine gute" bezeichnen würden. Aber so ein bisschen mehr Hoffnung, mehr Leichtigkeit würde man sich dann doch manches Mal wünschen.

Aber: Womöglich gibt es dafür ja tatsächlich keinen Grund. Wer dieser Tage über den Alexanderplatz in Berlin schreitet und aus einem behüteteren Teil Deutschlands stammt, der wird den Ort fraglos als derbe trüben Mix unterschiedlichster Welten erkennen. Menschen liegen, eingehüllt in alte Schlafsäcke, in Reih und Glied unter dem Schutz einer Unterführung. Und vor ihnen, gleichsam in Reih und Glied und "beschützt", warten zig E-Roller auf ihre hippen Gäste. Hier denglischt jemand in seine In-Ear-Kopfhörer, dort verrichtet ein anderer öffentlich seine Notdurft. Ja, es lag schon auch nahe und war eine gute Idee, Alfred Döblins Klassiker "Berlin Alexanderplatz" in unsere Zeit zu versetzen. Der ehemalige Ludwigsburger Filmstudent Burhan Qurbani hat das für seinen gleichnamigen Wettbewerbsbeitrag getan. Auf diese Weise ist ihm die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewiss. Milieugeschichten, die die urbane Wirklichkeit der Jetztzeit darstellen wollen, gibt es einige. Aber sich der Strahlkraft dieses epochalen Großstadtromans von 1929 zu bedienen und ihn ins Heute zu transferieren, entfaltet eben seine besondere Wirkung.

Liebe und Leid im Berlin von Heute

Aus Franz Biberkopf wird hier also jetzt Francis - ein schwarzer Afrikaner, ein illegaler Immigrant aus Guinea-Bissau, der hineingeschleudert wird in das Berlin von jetzt. Erzählt wird diese Geschichte von Mieze (Jella Haase), seiner späteren Geliebten. Francis startet in sein neues Leben, will ein gutes führen und wird doch Teil des kriminellen Untergrunds. Chancen offenbaren sich für ihn nur auf der Schurkenseite, verkörpert wie im Roman durch Reinhold (Albrecht Schuch). Burhan Qurbani hat einen gewaltigen Film gedreht. Groß angelegt, drei Stunden lang, wuchtig, gnadenlos in seinen Botschaften. Das hier ist Kritik an irgendwie allem: an Rassismus, an Kapitalismus, an fehlender Nächstenliebe, aber vor allem am Wegschauen. Die Hauptrolle hat der guinea-bissauisch-portugiesische Schauspieler Welket Bungué, bei dem zu spüren ist, dass er weiß, was er hier spielt. Ein sehr sehenswerter Film also, wenngleich ob seiner Laufzeit und seiner Schwere bisweilen auch anstrengend.

Etwas einfacher machte es Christian Petzold seinem Publikum. Schon weil es in seinem Wettbewerbsbeitrag "Undine", es ist sein fünfter bei der Berlinale, eben "nur" um die Liebe geht. Der Regisseur und Autor bedient sich bei dem Undine-Mythos, der von einem weiblichen Wassergeist berichtet. Undine erhält ihre Seele durch die Liebe, doch wenn der Mann untreu ist, bringt sie ihm den Tod und muss zurückkehren ins Wasser. Hier nun aber will sich jene Undine, gespielt von Paula Beer, ihrer Bestimmung widersetzen, obwohl ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz) der Beziehung ein Ende setzen will. Sie müsste ihn töten. Doch Undine, hier eine Berliner Stadthistorikerin, lernt den Industrietaucher Christoph (gespielt vom neuen Berlinale-Liebling Franz Rogowski) kennen und lieben. Was folgt, ist eine dann doch sehr irdische Geschichte über das Leben, den Tod und die Poesie von Liebe dazwischen. Mit einem wirklich schönen Schluss ...

Auch "Undine" wurde, wenngleich nicht ganz so euphorisch wie "Berlin Alexanderplatz" von der Öffentlichkeit aufgenommen. Zwei starke Filme also in einem ansonsten weitgehend eher unspektakulären Wettbewerb, aus dem sich Eliza Hittmans Drama "Never Rarely Sometimes Always" über eine schwangere 17-Jährige als Favorit herauskristallisiert hat. Eine Jury unter der Leitung von Schauspieler Jeremy Irons entscheidet über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären. 18 Filme gingen in den Wettbewerb, die Sieger werden am Samstag, 29. Februar, im Berlinale Palast verkündet. 3sat überträgt die Verleihung live ab 19 Uhr. Durch den Abend führt Samuel Finzi.

Von Kai-Oliver Derks