"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 25.12.2019
Regisseur: Caroline Link
Schauspieler: Oliver Masucci, Marinus Hohmann, Carla Juri
Entstehungszeitraum: 2018
Land: D
Freigabealter: 0
Verleih: Warner Bros. Pictures
Laufzeit: 119 Min.
Caroline Link im Interview
Caroline Link im Interview
"Dass man wieder nach einem starken Führer ruft, ist erschreckend"
Eine lange Pause hat sich Caroline Link nach ihrem großen Erfolg mit "Der Junge muss an die frische Luft" nicht gegönnt. Nur ein Jahr nach der Verfilmung der Kindheitserinnerungen von Hape Kerkeling lässt die Erfolgsregisseurin mit "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" (Start: 25. Dezember) bereits ihr nächstes Projekt folgen. Es ist ein optimistischer Film geworden, wie Charlotte Link betont - und das, obwohl er die Flüchtlingsgeschichte der neunjährigen Anna (Riva Krymalowski) und ihrer jüdischen Familie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählt. Welche aktuelle Botschaft der Film in sich trägt, wie es ihrer eigenen Familie im Krieg ergangen ist und was sie über die momentane politische Situation denkt, verrät die Oscarpreisträgerin von 2003 ("Nirgendwo in Afrika") im Gespräch.

AZ: Frau Link, "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" thematisiert Flucht und Vertreibung. Ein Kommentar zur Situation heute?

Caroline Link: Die Familie in unserer Geschichte kommt direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft. Sie kommt aus einer Welt, die den Zuschauern vertraut ist. Kinder können sich leicht mit der neunjährigen Anna identifizieren und sich gut vorstellen, wie es wohl wäre, wenn einem von heute auf morgen die Heimat genommen würde. Manchmal kann man es weit von sich weisen, wenn man weiß, dass Menschen aus Afrika oder Syrien ein schweres Schicksal haben. Aber wenn den Kindern eine solche Geschichte aus den Augen eines Kindes erzählt wird, das so lebt wie sie selbst, dann kann das zu einer höheren Sensibilität beitragen. Und dieses Mitgefühl lässt sich dann hoffentlich auch auf Flüchtlinge übertragen, die heute aus anderen Ländern zu uns kommen.

AZ: Im Exil begegnet der Familie Judenfeindlichkeit. Ist Ihr Film auch ein Statement zu aktuellen politischen Entwicklungen, etwa im Hinblick auf die Antisemitismusdebatte und die Anschläge in Halle?

Link: Wenn Menschen nicht mehr als Individuen gesehen werden, sondern nur noch als Gruppe, und sie in die Schublade "Jude", "Moslem" oder "Christ" gesteckt werden, verliert man leicht die Empathie. Aber es ist wichtig, immer wieder zu zeigen, dass wir alle Menschen sind, die lieben, leiden und an Menschen und Dingen hängen, wie zum Beispiel einem abgewetzten rosa Kaninchen. Der Film zeigt, dass jedes einzelne Schicksal individuell und bemerkenswert ist.

"Es wundert mich, dass so viele Leute diesen Rattenfängern auf den Leim gehen"

AZ: Diese Kategorisierung von Menschen in Deutschland wird nicht zuletzt durch die AfD bestärkt, die mittlerweile in vielen Landesparlamenten starke Kraft ist. Wie nehmen Sie die aktuelle politische Situation wahr?

Link: Ich finde es beängstigend, wenn jüdische Menschen wieder Angst davor haben, auf deutschen Straßen offen eine Kippa zu tragen. Es wundert mich, dass so viele Leute diesen Rattenfängern auf den Leim gehen, die extrem einfache Antworten auf sehr komplizierte gesellschaftliche Fragen geben. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch in den USA und anderen europäischen Ländern. Dort sind es die Lautsprecher, die den Eindruck erwecken, sie wüssten, wie man globale Probleme löst. Auch, dass einfache Menschen in den USA glauben, ein Multimillionär wie Donald Trump würde sich ernsthaft für ihre Probleme interessieren, ist für mich verblüffend.

AZ: Zeitzeugen, die den Krieg miterlebt haben, wird es schon in ein paar Jahren nicht mehr geben. Auch Ihre Großeltern waren vom Krieg betroffen ...

Link: Einer meiner Opas ist im Krieg gefallen, der andere wurde verwundet. Meine Großmütter mussten also die Kinder alleine großziehen und die Familie durch den Krieg bringen. Es waren gemessen an den Umständen normale Schicksale, aber speziell die Frauen erlebten eine harte Zeit. Ich erinnere mich in meiner Kindheit an sehr viele versehrte Männer, die aus dem Krieg zurückkehrten. Dass jemand an Krücken ging oder ihm eine Gliedmaße fehlte, war normal. Ich glaube, das Trauma dieses Krieges hat lange nachgehallt, bis in meine Generation hinein. Dass nun in vielen europäischen Ländern Autokraten an der Macht sind und man wieder nach einem starken Führer ruft, der alles aufräumt, ist erschreckend.

AZ: Der Film spielt während der Anfänge der Naziherrschaft, dennoch setzt er einen anderen Fokus als viele andere Werke.

Link: Das ist vor allem der Vorlage von Judith Kerr zu verdanken. Das Buch ist ja schon viele Jahre sehr erfolgreich und war lange Zeit Teil des Schulkanons. Der Roman erzählt eine an sich unspektakuläre, wenngleich sehr persönliche Geschichte. Judith Kerr hat die Flucht ihrer Familie oft als die schönste Zeit ihres Lebens bezeichnet, weil sie in diesen Jahren als Familie eng zusammenstanden. Natürlich waren sie dabei nicht so existenziell bedroht, wie es die Menschen sind, die heute mit Schlauchbooten über das Mittelmeer zu uns kommen.

AZ: Hatten Sie die Möglichkeit, Judith Kerr während der Arbeit an dem Film persönlich zu sprechen?

Link: Als ich das Drehbuch geschrieben habe, habe ich mehrmals mit ihr telefoniert. Wir hätten ihr den fertigen Film wirklich gerne gezeigt, und Riva, meine Hauptdarstellerin, hätte Judith Kerr gerne persönlich kennengelernt. Aber Kerr wollte mit 95 Jahren nicht mehr in den Flieger steigen, um an den Drehort zu kommen. Im Mai dieses Jahres ist sie nun leider gestorben, ohne den Film gesehen zu haben.

"Kinder können auch mal einen Moment Langeweile aushalten"

AZ: Haben Ihnen diese Gespräche geholfen, den Film authentischer zu gestalten?

Link: Es war nicht mein oberstes Ziel, dass jede Szene, die wir im Film zeigen, genau so passiert ist. Judith Kerr hat ja keine Autobiografie geschrieben, sondern einen Roman, und hat selbst Dinge hinzuerfunden, an die sie sich nicht mehr genau erinnerte. Trotzdem war es wertvoll, mit ihr zu sprechen - alleine schon, damit ich ein Gefühl für ihre Person entwickeln konnte.

AZ: Der Film ist keine klassische Jugendbuchverfilmung, sondern spricht auch Erwachsene an. Wie groß war die Herausforderung, beide Seiten zu bedienen?

Link: Über den Roman hinaus, der eindeutig ein Jugendbuch ist, habe ich mich intensiv mit der Person Alfred Kerr beschäftigt.

AZ: Also der Vater von Judith Kerr, der sich im Film aus Angst vor den Nazis in die Schweiz absetzt ...

Link: Ich fand ihn als Figur interessant. In seiner Biografie habe ich einige Texte, Stimmungen und Zitate gefunden, die ich gerne unterbringen wollte. Vielleicht wird der Film an diesen Stellen ein bisschen zu erwachsen für Kinder, aber das finde ich nicht schlimm. Ich wollte die Geschichte so erzählen, wie sie mir persönlich gefällt. Kinder können auch mal einen Moment Langeweile aushalten.

AZ: Auch in Ihrem Oscar-Film "Nirgendwo in Afrika" von 2001 nehmen Sie eine jüdische Flüchtlingsfamilie in den Blick. Schließt sich damit für Sie ein Kreis?

Link: Ich habe lange überlegt, ob ich noch ein zweites Mal einen Film drehen möchte, der die Geschichte einer jüdischen Familie im Exil erzählt. Aber "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" spricht so eine eigene Sprache und ist völlig anders als "Nirgendwo in Afrika", weil hier die Flucht durch die Augen eines neunjährigen Mädchens als großes Abenteuer erzählt wird. Obwohl der Film von Schmerz und Heimatlosigkeit handelt, wirkt er dennoch optimistisch.

AZ: Ihre Hauptdarstellerin Riva Krymalowski ist noch ein unbeschriebenes Blatt. Sie scheinen gerne mit unerfahrenen Schauspielern und Kindern zu drehen.

Link: Ein unbeschriebenes Blatt zu sein, ist für mich ein Vorteil. Ich denke, wenn Laien oder Kinder noch kein Bewusstsein für ihre Wirkung haben, können sie besonders frei und natürlich vor der Kamera agieren. Wenn sie dann einmal diesen Erfolgstrubel mitgemacht haben und sich bewusst werden, wie die Menschen auf sie reagieren, wird es schwierig.

"Ich empfinde keinen Druck"

AZ: Mit Julius Weckauf haben Sie im vergangenen Jahr in "Der Junge muss an die frische Luft" sehr gute Erfahrungen gemacht. Stehen Sie noch in Kontakt zu ihm?

Link: Na klar, alleine schon deshalb, weil bis vor kurzem noch gemeinsam mit dem Film unterwegs waren. Ende November war Julius auch bei der Bambi-Verleihung für uns.

AZ: Wie erleben Sie es als Mutter, wenn ein solch junger Kerl plötzlich derart im Licht der Öffentlichkeit steht?

Link: Julius macht das wirklich Spaß, und er ist gerne auf roten Teppichen unterwegs und macht Quatsch. Aber jetzt müsste natürlich eine neue Rolle kommen, bei der er sein Können unter Beweis stellen kann, damit sich das Schauspielern nicht nur auf rote Teppiche beschränkt. Für nächstes Jahr hat er sich ja nun eine große Rolle (im Film "Catweazle", d. Red.) gesichert. Dann geht das alles wieder von vorne los, und man muss sehen, ob die Schauspielerei Julius über die Jahre hinweg Spaß bringt, oder ob es ein einmaliges Erlebnis bleibt. Viele der Kinder, mit denen ich gearbeitet habe, sind im Anschluss keine Schauspieler geworden.

AZ: Sie haben in Ihrer Karriere relativ wenige Filme gemacht, die alle sehr erfolgreich waren. Verspüren Sie vor einem neuen Projekt Druck, an diesen Erfolg anschließen zu müssen?

Link: Ich empfinde momentan keinen Druck. Kommerzieller Erfolg passiert manchmal, und das ist schön. Ich suche meine Projekte aber danach aus, ob sie mich persönlich berühren und mich genug interessieren, damit ich mich bis zu zwei Jahre damit auseinandersetze. Das kann als Nächstes auch wieder etwas sein, was weniger publikumswirksam ist.

AZ: Zwischen Ihren bisherigen Filmen haben Sie lange Pausen eingelegt. "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" folgt nun bereits ein Jahr nach Ihrem Erfolg mit "Der Junge muss an die frische Luft" ...

Link: Ich bekam das Drehbuch von "Der Junge muss an die frische Luft" angeboten, als das "rosa Kaninchen" noch nicht finanziert war. Als ich es gelesen habe, dachte ich: "Das muss ich unbedingt machen." Glücklicherweise konnte ich das Projekt dazwischen schieben. Auf Dauer werde ich das aber nicht so handhaben, weil es gar nicht so ideal ist, wenn alles ineinander übergeht. Jeden Sommer einen Kinofilm drehen - das muss nicht sein.

Von Julian Weinberger